Die Malerin Gerlinde Thuma hat sich sehr bewusst für Chile als Reiseziel entschieden. Am Hafen von Valparaiso konnte sie das Aufeinandertreffen von Wasser und Land in höchst verdichteter Form verfolgen. Zum Entspannen feierte die Niederösterreicherin Weihnachten in der Wüste.

Gerlinde Thuma (Jg. 1962) ist keine Künstlerin, die das Chaos brauchen würde, um arbeiten zu können, und auch große Brüche wird man in ihrer Produktion vergeblich suchen. Beständig folgt sie seit über 20 Jahren ihren Neigungen und macht sich in ihren häufig zweigeteilten Bildern Gedanken über das Wesen der Natur und der Zeit. Dennoch kam ihr das Angebot, ihre Zelte in österreich einmal für vier Monate abzubrechen und in einem fernen Land arbeiten zu können, gerade recht. „Ich war zuletzt schon auf der Suche nach Neuem gewesen/, sagt sie. „Biografisch hat das vom Timing super gepasst.“ Von Gablitz, wo sie mit dem Komponisten Reinhard Süss und der gemeinsamen, ebenfalls zur Musik neigenden Tochter Tanja lebt und in einem ausgebauten Dachboden mit Blick auf freie Natur auch ihr Atelier hat, ging es ins 12.000 Kilometer entfernte Valparaiso. Es handelte sich um eine doppelte Premiere, hatte Thuma bis dahin doch weder Chile noch Südamerika bereist. Und so war es unter anderem auch Neugierde, die zur Wahl der Destination beitrug. Als entscheidend erwiesen sich jedoch vor allem zwei Punkte: „Der eine war die extreme geografische Lage und Form des Landes. Du hast 4.700 Kilometer Küste und sieben Klimazonen, diesen riesigen Pazifik, diese Weite. Und es ist in Relation das sicherste Land in Südamerika, wenn man als Frau allein unterwegs ist.“

Genaues, planvolles Vorgehen, um dann im entscheidenden Moment auch loslassen und Spontanität zulassen zu können – so vielleicht ließe sich Gerlinde Thumas Arbeitsweise überspitzt auf den Punkt bringen. Systematisch ging die Künstlerin auch an ihre Reisevorbereitungen heran. Sie informierte sich erst eingehend über ihr Reiseziel und gab aufgrund des angenehmeren Klimas der Hafenstadt Valparaiso gegenüber der Hauptstadt Santiago den Vorzug. In einem nächsten Schritt ließ sie sich von Bekannten Adressen und Tipps gegeben und landete schließlich sehr angenehm in einer Unterkunft samt angeschlossenem Atelier am ältesten Platz von Valparaiso – La Matriz. „ Ein österreichisch-Chilenisches Archtitektenpaar, Michael Bier und Paz Undurraga, vermietet da Appartments und betreibt einen Ausstellungsraum, das DUC. So kam ich in Kontakt zu chilenischen KünstlerInnen. Ich fühlte mich eingebunden, konnte aber auch meine Ruhe haben.“ Wobei sie sich schon ins Atelier zurückziehen musste, um zur Ruhe zu kommen. Ihre Wohnung hatte die Fenster auf den ungemein belebten Kirchenvorplatz hinaus, wo rund um die Uhr Geräuschkulisse herrschte. Das Atelier war umso stiller, es lag zurückversetzt im Nebenhaus, mit einem kleinen Innenhof.

Das Motto „Changing Views“ bewahrheitete sich für Gerlinde Thuma vor dieser Kulisse auf glückliche Weise. „Ja, es hat sich etwas verändert,“ bilanziert sie einige Wochen nach ihrer Rückkehr nach österreich. „Vier Monate am Stück den Alltag zu unterbrechen und woanders einen anderen Alltag gefunden zu haben, das schlägt sich jetzt noch nieder, das hält an. Am Anfang war die Rückkehr verwirrend. Man taucht wieder ein in eine alte Vertrautheit, ist aber eigentlich noch ganz woanders.“ ähnlich hatte es sich bei ihrer Ankunft in Chile angefühlt, als sie auf einmal vor einer ganz leeren und andererseits verwirrend übervollen Leinwand Position nahm: „Man muss sich selbst erst in der neuen Lage zurecht finden und mit dieser Zeitspanne von vier Monaten umgehen lernen. Abgesehen davon, dass das Atelier einzurichten und Material zu beschaffen war, galt es, die neuen Eindrücke wirken zu lassen. Anfangs ist man derart beeindruckt von den Bildern, die einen umgeben, und richtig reizüberflutet, zuviel bleibt auf der Netzhaut.“

Einen kurzen Crashkurs Chile bekam die Künstlerin gleich unmittelbar nach ihrer Ankunft vermittelt. Ihr Flug war mit drei Stunden Verspätung gelandet, worauf sie nach fast 24 Stunden Reise vor verschlossenen Türen stand, als sie mit vollem Gepäck endlich bei ihrem Quartier ankam. Sofort waren jedoch einige Chilenen zur Stelle – mit der Warnung, an dieser Stelle bitte ja nichts aus der Hand zu stellen. Flugs wurde Polizeischutz herbeitelefoniert, es kam ein Kastenwagen mit vergitterten Fenstern und vier Uniformierten. „Das war am helllichten Tag. Da wusste ich gleich, wo ich hingekommen bin. Die Leute sind sehr hilfsbereit. Aber die Hilfe ist sicher nicht immer da, wenn man sie braucht. Man gewöhnt sich in der Situation fast von selber an wachsam zu sein.“ Bei ihren ersten Schritten vor Ort wurde Thuma zudem von der chilenischen Performance-Künstlerin Claudia Vásquez Gómez unterstützt, die ihrerseits 2009 in Krems in einem AIR Gastatelier residierte. Sie half ihr dabei, scheinbar banale Alltagsdinge zu bewältigen, Material aufzutreiben etwa („Ich habe nur schwarz in Form von Kohle mitgenommen und weißes Pigment, mit dem ich gut lasieren kann“), was ohne Ortskenntnisse und mit durchschnittlichen Kenntnissen in der Landessprache freilich zu schwierigen Hürden werden können.

Nachdem die Landung auch innerlich gut vollzogen war, konnte die Arbeit losgehen. Bei dieser bevorzugt die erklärte Einzelkämpferin, die sich aber kurzzeitig – etwa auf Symposien – auch sehr gern auf den direkten Austausch mit KollegInnen einlässt, die Zurückgezogenheit. „Fast wie eine Klausur, wie einen Rückzug in eine Kartause“, beschreibt sie ihre intensiven Arbeitsphasen in Chile. „Ich habe in der Zeit auch sehr wenig gesprochen und die Ruhe, die ich sonst nicht habe, sehr genossen. Zu Hause entkommt man dem Reden ja nicht.“ Nach einer Weile machte Thuma dabei die überraschende Entdeckung, dass etwas recht verschüttetes wieder zum Leben erwachte. Ihr ureigener Rhythmus nämlich, wie sie ihn während ihrer Studienzeit und in den Anfangsjahren als freie Künstlerin leben konnte, bevor sie eine Familie gründete. „Ich war überrascht, dass es diesen anderen Rhythmus wirklich noch gibt. Und dann konnte ich ihn auch noch leben. Am Anfang war ich fast überfordert mit soviel Freiheit, und logistisch unterfordert, da kein Telefon läutete und nicht einmal der eigene Bürokram auf mich wartete. Ich konnte plötzlich den ganzen Tag darauf verwenden, mir die ureigensten Sinnfragen zu stellen. Die stehen dann manchmal auch ziemlich drastisch da.“

Die meiste Zeit aber genoss sie es, dem Sog des Alltags, der gewohnten Arbeit und des heimischen Kunstbetriebs für einige Zeit zu entkommen. Als „ein dauerndes Auf und Ab“ beschreibt sie ihre berufliche Laufbahn ehrlich. „Und das hört nicht auf. Man muss dauernd präsent und ununterbrochen dran sein. Dazu kommt, dass die Malerei zu der Zeit, als ich mein Studium abgeschlossen habe, durch die Jungen Wilden sehr gefragt war. Danach ging es aber wieder runter auf der Welle. Es ist nicht einfach, eine kontinuierliche Arbeit zu machen.br />
1962 in Wien geboren, hat Gerlinde Thuma von Kindheit an gern gezeichnet. Die Konzentration auf ein Bild eröffnete ihr, wie anderen Kindern Bücher oder die Musik, eine Art Versenkung, eine eigene Sphäre, zu der nur sie Zutritt hatte. „Dieser Gedanke bleibt natürlich immer schön“, schmunzelt sie heute. Schon in der Oberstufe wechselte sie an eine Kunstgewerbeschule. Von 1981 bis 1988 studierte sie bei Maria Lassnig („eine herausfordernde Persönlichkeit in jeder Hinsicht“) an der Hochschule für Angewandte Kunst Malerei und Trickfilm. Da sie schon frühzeitig an Ausstellungen beteiligt war und in Galerien arbeitete, lernte sie „den Dschungel draußen“ bereits aus eigener Erfahrung während des Studiums kennen.

Die Studienjahre waren auch die einzige Phase, in der Thuma wirklich in der Stadt lebte und eine Wohnung hinter der Votivkirche hatte. Im Westen Wiens aufgewachsen, bevorzugt sie sonst eher die Randlagen. Bei ihr in Gablitz ist es schon ruhig wie auf dem Land, der Nachbar ist eine von den Bundesforsten verwaltete Naturfläche. Auch ihre Arbeit hat viel mit ihrer Umgebung zu tun und ist grundsätzlich naturbezogen. „Die Natur als stiller Zeitzeuge“, hat Silvie Aigner zu Thumas Schaffen einmal formulierte.

Die Beschäftigung mit Zeit, mit Veränderungen und Nicht-Beständigkeit schlägt sich in den Bildern in einer Entschleunigung mit Farben und Formen nieder. Sie entziehen sich dem flüchtigen Blick und der schnellen Auseinandersetzung. Man muss schon zurückschalten, einen langsameren Blick zulassen, um sie richtig schätzen zu können. Dieses Zurückfahren des Alltagstempos entspricht auch ihrer Arbeitsweise. Die Niederösterreicherin arbeitet intensiv, aber bedächtig. Nach drei, vier Stunden im Atelier legt sie eine Pause ein. In Valparaiso spazierte sie dann zum Hafen, um den Kopf frei zu bekommen. „Es bringt nicht viel, wenn ich den ganzen Tag mit den Bildern verbringe. Jedes Mal, wenn ich zurückkomme, ist der Blick ein frischerer.“ Nach Gablitz zurückgekehrt, musste sie die überwiegend großformatigen Arbeiten neu aufspannen, „weil es in Chile keine wirklichen Keilrahmen gab, die man nachspannen kann. Ich habe alles eingerollt mitgenommen.“ Ohne lange Unterbrechung wurde der Schaffensprozess im eigenen Atelier wieder aufgenommen. Hier könne sie besser reflektieren und Bilder zu einem Abschluss bringen, sagt Thuma. „Ich habe durch die Abwesenheit meine gewohnte Arbeitsstätte auch neu schätzen gelernt.“ Bei einem Rundgang durch ihr Atelier zeigt sich, wie intensiv Chiles Landschaften mit ihrer extremen Konfrontation von Wasser und Land auf die im Gastland entstandene Produktion wirkte. Das Meer zeigt sich in dem Bild „Sog“ als blaue Weite mit mächtiger Ausstrahlung, die bei längerem Betrachten sowohl die mitunter unbarmherzige Kraft des Wassers als auch seine unendliche Ruhe ausdrücken kann. Die Menschen gehen hier nicht ins Meer schimmen, erzählt die Malerin, sie gehen spazieren. „Der Pazifik ist sehr kalt, man hat diese herrlichen Strände, aber man kann fast nicht im Wasser bleiben. Das ist eine ganz andere Strandsituation.“ In der Serie „Derrelicto“ beschäftigt sie sich mit allem, was angespült wird, „ausgespuckt vom Meer und wieder hineingesogen. Ob man auf den Bildern nun Wasser sieht oder Sand, ist aber letztlich egal. Es geht um die Struktur, die sehr verdichtet vor Augen tritt.“ In einer „Strategie“ betitelten Serie wird außerdem augenscheinlich, dass in Chile alles in Scharen auftritt. Vogelschwärme aus hunderten und tausenden von Tieren kommen auf einmal vom Himmel gestürzt, um an Fische zu gelangen. „Mich hat interessiert, wie man in dieser Enge und Vielzahl ein Leben und überleben organisiert.“

Auch am eigenen Körper erlebte sie die Besonderheiten des Landes. Während ihres viermonatigen Aufenthaltes von Ende November bis Ende März regnete es kein einziges Mal in Valparaiso, dafür tropfte der Tau richtiggehend von den Bäumen („Man fängt den Tau mit Netzen ein und nutzen das aus der Luft geschöpfte Wasser!“). Und Gerlinde Thuma hatte Glück, während der Erdbebenphase immer gerade woanders zu sein, als dort, wo die Erschütterungen am stärksten auftraten.

„Man sieht, welche Lebensrealitäten möglich sind“, bilanziert sie ihre Südamerikaerfahrungen. „Das Leben in Mitteleuropa ist ein unglaublich privilegiertes.“ Den lang gehegten Wunsch, eine Wüste zu besuchen und dort auch ein wenig Zeit zu verbringen, erfüllte sich die Künstlerin jedoch. über Weihnachten kam sie ihre Tochter mit Freunden besuchen, den 24. Dezember verbrachte man in einer unbewohnten Oase auf über 2.000 Meter in der Atacamawüste. „Rundherum Vulkankegel und dieser weite, unglaubliche Sternenhimmel. Auch Flora gab es. In diesen ersten zwölf Tagen wurden alle meine Erwartungen an die Wüste überboten.“ Noch einmal: „Ja, es hat sich etwas verändert.“

 

 

 

 

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