Am Beginn einer neuen Arbeit auf Leinwand steht die Kohlezeichnung; erst dann wird in vielen dünnen Lasuren Farbe aufgetragen, die – je nachdem wie viele Schichten übereinander liegen – transparente oder opake Flächen erzeugen. Die Zeichnung selbst scheint dadurch entweder eher in den Vordergrund, an die Oberfläche, zu treten oder mehr in die Tiefe des Bildraumes zurückgedrängt. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die vertikale oder horizontale Teilung der Bildfläche bzw. die Kombination zweier Bilder zu Diptychen. Diese Zweiteilung ist eine weitere Konstante in Thumas Werk und resultiert aus dem Wunsch, in der Malerei, einem an sich statischen Medium, Bewegung und Zeitlichkeit darzustellen. Wobei natürlich das zeitliche Moment einerseits bereits im Malprozess beinhaltet ist und andererseits auch in den Materialeigenschaften der Kohle, die mit Zerfall und Vergänglichkeit assoziiert sind. – Die Arbeiten Gerlinde Thumas haben daher insgesamt – nicht zuletzt bedingt durch den dünnen Farbauftrag, der oft wie ein Schleier wirkt - etwas sehr Ephemeres an sich.

Gerlinde Thuma geht es insbesondere darum, verschiedene Realitätsebenen zueinander in Beziehung zu setzen und die Spanne zwischen zwei Zeitpunkten anhand einer formalen Idee zu veranschaulichen, wobei sie sich stets an der Schwelle zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit bewegt.

Mit der Zweiteilung der Malfläche, der Kontrastierung einer hellen mit einer dunklen Farbfläche und der axial ausgerichteten Variation bzw. Wiederholung des gleichen Motivs gelingt es ihr, gewissermaßen zwei verschiedene Zustände gleichzeitig darzustellen oder eine Veränderung in der Zeit, eine zeitliche Abfolge, festzuhalten. Zweifellos kommt dabei auch ihre Erfahrung mit dem Medium Film zum Tragen: Einerseits in der positiv-negativ Wirkung und andererseits, indem ihre Bilder – Filmkadern gleich – Bewegung suggerieren, im Sinne von zeitversetzten Aufzeichnungen desselben Motivs.

Selbst Teil eines Bewegungsflusses, unterwegs zu sein, ist der Künstlerin sehr wichtig. Beim Wandern und Reisen nimmt sie ihre Umgebung sozusagen als Film wahr, aus dem sie einzelne Motive herausfiltert, die später in abstrahierter Form zum Ausgangspunkt ihrer bildnerischen Überlegungen werden. Wenngleich Thumas Arbeiten oft unweigerlich Assoziationen mit konkreten Naturformen oder Landschaften evozieren, sind sie eigentlich stets ungegenständlich.